An(ge)dacht: „Von Rosen, Zweigen, Wölfen & Lämmern“   (von Karsten Hinz)

(Der Text hier ist identisch mit der Andacht in unserem Gemeindebrief)

„Ein Spross wächst aus dem Baumstumpf Isai, ein neuer Trieb schießt hervor aus seinen Wurzeln“ (Jes.11,1)
 „Dann wird der Wolf beim Lamm zu Gast sein, der Panther neben dem Ziegenböckchen liegen; gemeinsam wachsen Kalb und Löwenjunges auf“ (Jes.11,6)

Der  zweite Bibeltext oben ist der Monatsvers für den Dezember. Er ist eingebettet in ein Kapitel, das  zu einem sehr bekannten Weihnachtslied inspirierte: „Es ist ein Ros entsprungen!“  Getextet hat es ein Mönch in Mosel bei Trier, der mitten im Winter eine blühende Rose entdeckte und in der Christmette anschließend die uralten Worte aus Jesaja 11,1 hörte und beides miteinander verband: Die Rose und den Bibelvers.

Eigentlich ist bei Jesaja ja ein Zweiglein gemeint. Luther übersetzt noch: „Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isai“. Ein Reis ist ein altes Wort für einen „Zweig“. In unserem „Reisig“-Besen taucht es als Begriff noch auf! Ein junger Trieb ist also gemeint; ein Sprössling, der aus dem abgehauenen Baumstumpf der Sippe und des Geschlechtes David neu wachsen wird. Die Linie des großen jüdischen Königs geht also nicht unter. Es ist noch Leben in dem alten Stamm! Und Jahrhunderte später wird Jesus, der Christus, geboren. Nachfahre des großen König Davids, wenn man seine menschliche Linie zurückverfolgt und doch ist er zugleich Sohn des Höchsten, Gottes Sohn, Messias, Erlöser.

Das Dorf „Nazareth“, in dem Jesus aufwuchs, wurde übrigens gegründet von der Sippe der ‚Nazoräer‘, die aus Bethlehem stammte.  In Jesu Heimatdorf lebten also viele hochkarätige Nachfahren von König David – verarmter Adel sozusagen! Nazareth steckte voller Menschen mit 1a-Stammbaum; voller Erinnerungen an ein goldenes Zeitalter;  voller Hoffnung: 

„Das Königtum Davids wird nicht untergehen! Der Messias kommt!“.

Es war eine berechtigte Hoffnung, die Jesaja 11 verheißt. Eine erfüllte Hoffnung, welche wir, die wir auf die Geburt von Jesus Christus heute zurückschauen können und sie bald wieder feiern,  beim Blick in die Geschichtsbücher (und die Bibel) natürlich längst erkennen können.

Danach beschreibt Jesaja im selben Kapitel ein übernatürliches Friedensreich, wo Wolf und Lamm friedlich beieinander liegen; wo ein Säugling am Schlupfloch einer Viper, einer Schlange, spielen kann, ohne Gefahr befürchten zu müssen. Wo niemand mehr Böses mit Bösem vergilt, weil alle Menschen Gott, den HERRN, kennen. Das sogenannte 1000jährige Friedensreich wird hier angedeutet im Monatsbibelvers für den Dezember. Ein Reich, das auch im neuen Testament erwähnt wird und nach dem man richtig Sehnsucht bekommen kann. Besonders in unseren unruhigen, friedlosen Tagen, wo man noch nicht so richtig weiß, wohin diese Welt gerade (ab)driftet.

Vor einigen Jahren erwähnte ich bei einer unserer Adventsfeiern ein Lied von Rosanne Cash:  „God is in the roses /  Gott ist in den Rosen.“
Rosanne Cash ist die Tochter des verstorbenen Countrysängers Johnny Cash und dichtete einmal: „God is in the roses, the petals and the hornes / Gott ist in den Rosen, in den Blütenblättern und in den Dornen.“ Gott ist da, wo es unfassbar schön ist, und Gott ist da, wo es unsagbar wehtut.
Ihr Vater Johnny Cash war beim Entstehen des Liedes gerade beerdigt worden und sie konnte in der Nacht darauf nicht schlafen. Also war sie um 5:00 Uhr in der Frühe aufgestanden, hatte vor dem Café „Starbucks“ gewartet, bis es endlich aufmachte, hatte Kaffee gekauft und sich dann an das Grab ihres ‚Dads‘ gesetzt. Sie wartete bis die Sonne aufging über dem Grab ihres Vaters . „Das war sehr tröstlich“, erzählte sie einmal in einem Interview. „Ich habe mich noch nie so sehr daheim gefühlt wie in diesem Moment auf dem Friedhof“, meinte sie. Und sie hätte zwei Kaffee dabei gehabt; einen für sich und einen für ihren Vater. Unter diesen Umständen entstand dort also dieses Lied!
 „Keine Rose ohne Dornen“ sagen wir manchmal. Auch im Schönen lauert das Leid und es kann ‚pieksig‘ werden. Nicht so bei Jesus! Er will bei uns sein im Leid, wenn das Leben zu uns pieksig wird und wir daraufhin vielleicht auch Gefahr laufen, pieksiger zu werden (zu anderen).

Der Text in Jesaja 11 im Ganzen beschreibt , dass ein aussichtsreicher Tag kommt, da wird nur noch Frieden sein, weil Jesus, der Friedefürst, sein Friedensreich endlich für alle Glaubenden sichtbar aufrichten wird.
Es kommt der Tag, da wird alles Dunkle, Belastende, Pieksige nicht mal mehr eine blasse Erinnerung sein. Dieser Vers 1 aus Jesaja 11 hat sich schon längst erfüllt, als Jesus geboren wurde in Bethlehem . Und dieser Vers 6 aus Jesaja 11 wird sich einst erfüllen am Ende der Zeit, wenn Gott sein Friedensreich sichtbar aufrichten wird.

Dann gelten auch diese Worte:
„Dann wird der Wolf beim Lamm zu Gast sein, der Panther neben dem Ziegenböckchen liegen; gemeinsam wachsen Kalb und Löwenjunges auf“   (Jes.11,6)

Karsten Hinz

 

 

 

 Ihr
Karsten Hinz 
(Pastor der FeG-Salzgitter)