An(ge)dacht: „Gott bekennen gegen den ‚Mainstream“ (von Karsten Hinz)

„Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.“
(Apostelgeschichte 17,27, Monatsspruch für Juli)

Apostelgeschichte 17 berichtet uns von den ersten Schritten des Apostels Paulus in Athen; wie er durch die Straßen dieser Weltstadt wandert und leidenschaftlich nach einem Anknüpfungspunkt sucht. Er ist begeistert von Jesus und will ihn bekanntmachen! Aber wie sollte das funktionieren in einer Metropole, die schon in etwa 3.000 ‚Gottheiten‘ verehrte? Da war es leichter, Steine in einem Steinbruch zu verkaufen (oder Eulen nach Athen zu tragen).
Auf der Agora, dem Marktplatz der Stadt nördlich der Akropolis, fängt Paulus zu predigen an. Das war der richtige Ort dafür, denn hier traf man sich, um über die neusten Weltanschauungen zu diskutieren.
Paulus trifft hier auf zwei philosophische Hauptrichtungen, mit denen sich sofort ein Streitgespräch entwickelt. Die einen hätten gut in unsere neuzeitliche Spaßgesellschaft hineingepasst: Die Epikureer dachten nur an sich und suchten ihren Lebenssinn im vergnügten Hier und Heute.
Die anderen waren so ziemlich genau das Gegenteil: Die Stoiker strebten nach Bescheidenheit und lehnten das „Immer-mehr-haben-wollen“ ab. Ihre beherrschte Art hat uns den Ausdruck beschert: „eine stoische Ruhe haben“. So unterschiedlich beide Denkrichtungen auch waren, für die  griechische Götterwelt hegten  beide Parteien wenig Sympathie. Die eine Seite sagte: „Die Götter interessieren sich eh nicht für uns.“ Die andere Seite sagte: „Diese Geschichten sind doch nur symbolisch gemeint!“ Griechische Götter mit ihren sehr menschlichen Intrigen, Streichen und sogar Boshaftigkeiten, waren für die Intellektuellen letztlich lächerliche Figuren, die nicht ernst zu nehmen waren.


Mit diesen  Epikureern und Stoikern fängt Paulus ein Streitgespräch an. Wörtlich sagt das Griechische: „Sie werfen sich gegenseitig etwas zu!“ Es ist ein gedankliches Ping-Pong-Spiel auf hohem Niveau und für Paulus nicht gerade von Erfolg gekrönt. „Was will dieser Schwätzer sagen?“, fragen sich seine Zuhörer nach einiger Zeit! „Körnerpicker“  nennen sie ihn im Original. Diese Philosophen werfen Paulus also vor, er habe sich irgendetwas wild zusammengereimt;  ohne innere Klarheit, ohne System! Er sei jemand, der dieses Sammelsurium an Halbwissen nun als Weisheit letzter Schluss verkauft. Das war kein freundliches, sondern ein extrem abfälliges Urteil!
Paulus wird belächelt, wird verspottet, aber nicht nur das: Mit einem Mal wird er von einer ziemlich aufgewühlten Menge ergriffen und zum Areopag gezerrt, einem Gerichtsgremium, das manches Mal auch auf dem gleichnamigen Platz tagte.  Öffentliche Reden wurden also  doch kontrolliert und es war nicht weit her mit der Meinungsfreiheit, wenn zu vielen Zuhörern aufstieß, was einer gegen den allein gesellschaftsfähigen  „Mainstream“  sagte (etwaige Parallelen bis in unsere Zeit hinein sind nicht zufällig, sondern auffällig).

Paulus nimmt in seiner Verteidigungsrede dann  einen ziemlich langen Anfahrtsweg und zollt den Griechen geschickt Respekt. Das schließt aber nicht aus, dass er alle Themen anbringt, die zum Christsein zentral dazugehören. Er formt den Glauben nicht stromlinienförmig.
Das Interesse der anfangs neugierigen Griechen schwindet schon bald. Die einen machen sich lustig über Paulus und die anderen vermitteln etwas höflicher, dass es ihnen reicht mit seinen Reden: „Darüber wollen wir später noch mehr hören,“ vermitteln sie.
Aber einige Wenige vertrauen dem, was der Apostel sagt. Darunter, wie ihr Name verrät, echte Griechen: Dionysius und Damaris. Die Anfänge des Christentums in Athen sind letztlich sehr bescheiden, aber auch daraus sollte sich eine blühende Gemeinde entwickeln.

Sie alle hatten damals diesen wunderbaren Satz gehört, den die Herrnhuter Losungen zum Monatsvers für Juli ausgerufen haben: „Er (Gott) ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir“ (Lutherübersetzung von Apg.17,27b-28).
Ist das nicht eine wirklich großartige Mitteilung? Gott ist immer in Rufweite und unterscheidet sich grundlegend von diesen fernen, abgehobenen, gleichgültigen, lethargischen, teilnahmslosen, sogar boshaften Gottheiten, wie es sie inflationär bei den Griechen gab.
Das ist wesentlicher Teil der „guten Nachricht“, die Paulus damals vortrug und die wir bis heute weitergeben können: „Gott  ist nicht ferne von einem jeden unter uns“.

Danach wörtlich: „Denn durch ihn leben, handeln und sind wir.“ Gott ist ein Gott, der uns liebevoll zugewandt ist, dem wir nicht gleichgültig sind. Wir existieren nur, weil er uns wollte und liebt. Von ihm her kommen wir und verdanken ihm unser Dasein. Durch ihn können wir unseren dunkelsten Alltag bewältigen und unsere Zukunft gehört ihm ohnehin.

Ich liebe diesen Bibelvers und hoffe, dass er uns allen gut tut!

Ihr
Karsten Hinz 
(Pastor der FeG-Salzgitter)